Hide and Seek. Das Spiel von Transparenz und Opazität
| What | Conference |
|---|---|
| Where | Berlin, DE |
| When | Nov 23, 2007 - Nov 25, 2007 |
| Deadline | Aug 20, 2007 |
| Contact Email | interart |
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In Fellinis „La Dolce Vita“ stehen sich in der Schlusssequenz zwei Menschen an verschiedenen Ufern eines Strandes gegenüber, die versuchen miteinander zu sprechen, aber vom Rauschen des Meeres übertönt werden. Im Minenspiel der beiden Protagonisten lässt sich die Trauer über die Unmöglichkeit der Verständigung deutlich ablesen, die Situation oszilliert zwischen einem Fast-Verstehen und der völligen Unmöglichkeit von Kommunikation. Diese Störung sprachlicher Verständigung ist ein wiederkehrendes Motiv in „La Dolce Vita“: Fellini lässt hier immer wieder Sprache mit Rauschen zusammenfallen und bringt Sprache somit eben durch ihre Abwesenheit in eine besondere Form von Präsenz.
Das, was sich hier im Wechselspiel von Bild und Ton darstellt, ist bereits sowohl bei
präkinematographischen Verfahren, wie den Nebelkammern des ausgehenden 18. Jahrhunderts, als auch
bei historisch weit vorgelagerten bildmedialen modi procedendi, wie der sichtgerechten Perfektionierung
des Trompe-l’oeil-Stils in der Frühen Neuzeit, angelegt. In Nature-morte-Motiven des 17. Jahrhunderts,
etwa in Wilhelm van Aelsts „Stilleben mit Jagdgeräten und toten Vögeln“ (1668), gibt es häufig ein
Element der Irritation, das die ansonsten streng den Gesetzen der Zentralperspektive folgende Grenze
zwischen realem Raum und Bildraum verwischt. Durch die Abbildung einer Fliege im genannten
Gemälde, welche sich der Komposition in Maßstab und Position nicht fügt, wird die ansonsten sorgsam
verborgene Materialität der Bildoberfläche selbst erlebbar.
Solcherlei Vorgehensweisen haben sich nicht nur in Verfahren der filmischen Postproduktion
fortgeschrieben – wie beispielsweise im Matte Painting: Richtet man den Blick gar auf die
Robotikforschung, so bezeichnet hier etwa der Begriff des Uncanny Valley jenen unheimlichen Moment,
in dem die Simulation menschlicher Verhaltensweisen und/oder physiognomischer Eigenschaften einen
Grad an Realismus erreicht, der die Illusion unmittelbar kollabieren lässt. Das vermeintlich perfekt
kopierte Double wird zombifiziert und auf paradoxe Weise tritt sodann dessen Künstlichkeit qua
Realismus zutage. Dieses Phänomen – bekanntlich bereits Thema von E.T.A. Hoffmans „Sandmann“ und
Bestandteil eines jeden „Turing-Tests“ – ist heute ein praktisches Problem der Computergrafik, wenn es
zum Beispiel darum geht, glaubhafte digitale Gesichter zu erzeugen.
Was ist es, das sich hier zeigt?
Es handelt sich hier nicht mehr nur um eine von vielen Paradoxien anthropomorpher Darstellungen;
thesenhaft formuliert könnte man fernerhin sagen, dass den genannten Beispielen ein Oszillieren
zwischen Transparenz und Opazität zu eigen ist, das, ähnlich dem Blick auf ein Vexierbild, an ein nichtarretierbares
sinnliches Gewahren des je Verborgenen sowie des sinnhaft je zu Entbergenden gebunden
ist. D.h. in der momenthaften Ununterscheidbarkeit von Transparenz und Opazität manifestiert sich ein
Drittes, das als Schwellenphänomen weder dem Sinn (semiosis) noch der Sinnlichkeit (aisthesis)
durchgängig zuzurechnen ist. Transparenz meint hierbei dann unter anderem jene Qualität von Medien,
die dem Beobachter als Eindruck einer Unmittelbarkeit begegnet. Dieser Eindruck gilt nicht erst seit Fritz
Heiders „Ding und Medium“ von 1926, sondern bereits in der Wahrnehmungslehre des Aristoteles per
definitionem als zentrale Gelingensbedingung medialer Vollzüge (das griechische tò metaxý). Ein
Medium erfüllt seine Funktion demnach erst dann, wenn es selbst im medialen Vollzug verschwindet,
also vollkommen transparent ist, indem es in der Eigenschaft einer „aisthetischen Neutralität“ (Sybille
Krämer) dem Strom der Sinnesdaten entzogen wird. Kierkegaard formuliert dementsprechend in
Entweder-Oder:
„Wenn ein Mensch so spräche, daß man den Schlag der Zunge hörte usw., so spräche er schlecht; wenn er so
hörte, daß er die Luftschwingungen hörte statt des Wortes, so hörte er schlecht; wenn jemand ein Buch so
läse, daß er beständig jeden einzelnen Buchstaben sähe, so läse er schlecht. Gerade dann ist die Sprache das
vollkommene Medium, wenn alles Sinnliche darin negiert ist.“
Aus diesem Grund erweisen sich Medien scheinbar immer dann als nutzlos oder „unvollkommen“, wenn
die Transparenz medialer Oberflächen durch Trübung opak wird, das gesprochene Wort etwa durch Lärm
übertönt oder aufgrund von Unkenntnis der Sprache sinnlos wird. Die genannten Beispiele zeigen jedoch,
dass das Verhältnis von Transparenz und Opazität nicht einfach als dichotom gedacht werden kann,
sondern, dass gerade im Wechselspiel dieser beiden Ebenen etwas in Anwesenheit gebracht wird, das
sonst verborgen bleibt. Für die Eigenlogik dieser Dynamik scheint demnach nicht so sehr ein Entweder-
Oder, sondern eher ein Sowohl-als-auch spezifisch zu sein.
Darüber hinaus verweisen – über rein bildliche, beziehungsweise bildmediale Vollzüge hinaus –
Phänomene von Transparenz und Opazität auf epistemologische Gefüge: Einerseits wird bisweilen neues
Wissen durch Vorgänge der Entbergung zutage gefördert, andererseits muss, im Zuge der Sicherung von
Wissen, gelegentlich anderes Wissen von Blickschranken umstellt werden, da ansonsten „Über
Gewissheit“ in unseren möglichen Welten nicht gesprochen werden könnte. Das, was sich der Erkenntnis
verschließt und was sich den Sinnen zeigt (sowie vice versa), wird damit nicht nur auf die Probe, sondern
insgesamt zur Disposition gestellt.
Wie ist dann aber das Verhältnis von Transparenz und Opazität zu denken, wenn das „ausgeschlossene
Dritte“ nicht mehr ausgeschlossen bleibt?
Das Symposium „Hide and Seek. Das Spiel von Transparenz und Opazität“ soll das Augenmerk auf eben
diese Momente der Grenzverwischung legen und es soll der Versuch einer begrifflichen Annäherung
gewagt werden. Obwohl die Begriffe Transparenz und Opazität offensichtlich der Sphäre der optischen
Wahrnehmung entstammen und daher insbesondere dort thematisiert wurden, wo es um visuelle
Darstellung geht – etwa in der Theorie der Malerei (Louis Marin) oder in der Architekturtheorie (Rowe
und Slutzky) –, spielen Theorien der Rahmung (Bateson/Goffman, Derridas Konzept des „Parergon“)
ebenso eine Rolle, wie Wahrnehmungstheorie, Kunstwissenschaften oder Interfacetheorie. Welcher Funke
kann zum Beispiel aus einer Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Transparenz und Opazität für
die Sphäre des Akustischen geschlagen werden, für die Sprachphilosophie oder die Semiotik?
Obgleich im Bereich der Medientheorie und Ästhetik fundiert, ist der Anspruch des Symposiums ein
dezidiert interdisziplinärer. Gefragt werden soll letztlich auch nach dem Potential visueller Metaphern:
Ist es heuristisch ergiebig, auch außerhalb visueller Künste und Medien von „Transparenz und Opazität“
zu sprechen oder verstellt der vielfach beklagte „Okulozentrismus“ des westlichen Denkens mehr als die
Begriffe klären können?
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Vortragsdauer: 30 Minuten. Die eingereichten Proposals sollten eine Länge von 300 Worten nicht überschreiten und
neben dem Thema eine kurzen Darstellung des theoretischen und fachlichen Zugangs enthalten. Dem sollte eine
biographische Notiz beigefügt sein, die aktuelle Projekte, Affiliationen und gegebenenfalls neueste Publikationen
enthält. Eine Auswahl der Tagungsbeiträge wird im Anschluss an das Symposium publiziert. Exposés werden bis
zum 20. 08. 2007 erbeten. Entweder per E-Mail an
Markus Rautzenberg und Andreas Wolfsteiner
E-mail: interart@zedat.fu-berlin.de
oder postalisch an:
Internationales Graduiertenkolleg „InterArt/Interart Studies“
Freie Universität Berlin
Institut für Theaterwissenschaft
Grunewaldstr. 35
12165 Berlin


