Entfesselte Kräfte: Technikkatastrophen und ihre Vermittlung. Berichte. Fiktionen. Fantastische Szenarien
| What | Social Event Work |
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| When |
Jul 06, 2007 10:00 AM
to Jul 07, 2007 06:00 PM |
| Where | Köln, DE |
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Tagungsprojekt mit Vorträgen, multimedialen Vorführungen und Diskussion.
Mit der zunehmenden Technisierung aller Lebensbereiche ist im öffentlichen Bewusstsein eine gesteigerte Sensibilität für technische Katastrophen zu beobachten: Während noch im 18. und 19. Jahrhundert außergewöhnliche und/oder verheerende Naturerscheinungen Untergangsängste zu schüren vermochten, lösten mit der Wende zum 2. Jahrtausend vornehmlich Unfälle und Zusammenbrüche, die sich auf technischen Gebieten ereigneten, Schrecken und Ohnmachtgefühle aus und provozierten apokalyptische Visionen neuerer Art. In ihnen wird weniger ein Strafgericht Gottes heraufbeschworen, das sich in einem zerstörerischen Naturgeschehen vollstreckt, vielmehr die Vernichtung von Leben und Lebensräumen durch den Menschen selbst, d.h. durch materielle Mittel-Systeme, die er eigentlich zur besseren Bewältigung seines irdischen Daseins erfunden und entwickelt hat, geschildert.
Welches Ereignis allerdings als katastrophal eingeschätzt wird, hängt nicht nur von objektiven Gegebenheiten wie der Zahl der Verunglückten, dem Umfang der Sach- und Umweltschäden, den Fehlern und Fehlleistungen im jeweils betroffenen technologischen System ab, sondern auch vom Katastrophenverständnis des jeweiligen Betrachters. Und mit diesem subjektiven Moment des Katastrophenbewusstseins korreliert die Prägung des Erscheinungsbildes eines als katastrophal empfundenen Ereignisses durch die Art und Weise seiner Vermittlung.
Den Modi der Vermittlung von Technikkatastrophen widmet sich dieses Tagungsprojekt. Neben der aktuellen Berichterstattung in den Massenmedien, bei der die möglichst unmittelbare Vergegenwärtigung von Opfern und Schäden im Vordergrund steht, geht es dabei vornehmlich um literarische und filmische Formen der Darstellung, die das fatale Misslingen eines oder mehrere technischer Systeme und seine Folgen rekonstruierend, erzählend und wertend aufbereiten oder auch als fiktionale Abläufe und fantastische Szenarien antizipieren. Gerade im Gewande der Fiktion, die nicht auf ein reales Katastrophengeschehen zurückzugreifen braucht, wird das Gefahrenpotential einer bestimmten Technologie ersichtlich und erhalten die dadurch ausgelösten Ängste der Menschen Anschaulichkeit.
Die Deutungsmacht, die der medialen Darstellung von Technikkatastrophen zukommt, wird aber insbesondere dann greifbar, wenn das, was eine Katastrophe hervorrief, nicht präzise zu fassen, sondern einem ganzen Ursachenbündel anzulasten ist, das sich aus fehlerhaftem menschlichen Verhalten, unvorhergesehenen Rahmen- und Belastungsbedingungen, Kon-struktionsfehlern oder mangelnder Einsicht in die Auswirkungen technologischer Fehlfunktionen u.a. zusammensetzen kann. Als geradezu paradigmatische Technikkatastrophe kann der Untergang der Titanic (1912) gelten: Zu seiner sachlichen Erklärung hat sich eine eigene bis heute sehr aktive Forschungsrichtung etabliert, darüber hinaus hat er sich aber schon früh als Parabel für technischen Größenwahn angeboten und als Bild der untergehenden Klassengesellschaft dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt. Die mit dieser lange zurückliegenden Katastrophe verbundenen Vorstellungen resultieren im Wesentlichen aus ihrer vielfachen medialen Behandlung, ja Inszenierung, die dramaturgischen Gesetzen folgt; denn diese eröffnet mit der Wiedergabe des katastrophalen Geschehens zugleich zahlreiche Möglichkeiten für die Darstellung spannender und existenziell berührender Handlungen und differenzierter Charakterstudien, was deutlich macht, dass die mediale (Re-)Konstruktion von Katastrophenereignissen auch von Eigengesetzlichkeiten der damit befassten Medien beeinflusst ist. Der Funktionszusammenhang von technischer Katastrophe und medialer Präsentation kann geradezu als eine Signatur der Moderne bezeichnet werden.
Themenfelder :
§ Begriff und mediale Präsenz
- der Begriff der Technikkatastrophe, exemplifiziert an realen Unfällen der jüngeren Vergangenheit wie der Explosion der Challenger (1986), dem atomaren GAU von Tschernobyl (1986), dem Flugzeugabsturz in Bijlmermeer/Amsterdam (1992), dem Untergang der Estonia (1994), dem ICE-Unglück bei Eschede (1998), dem Brand im Mont-Blanc-Tunnel (1999) o.a.;
- unmittelbare Betroffenheit, nacheilendes Verständnis – Technikkatastrophen als Medienereignisse zwischen Tagesaktualität und Ursachenanalyse;
§ Fiktionen
Formen und Funktionen / fiktionale Erzählformen und ihre Verfahrensweisen
- Formen und Funktionen fiktionaler Katastrophenschilderung, der kommunikative Mehrwert fantastischer Elemente;
- Verfahrensweisen der Katastrophendarstellung in Literatur und Film (Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Interferenzen);
- Sinngebung
- die Auseinandersetzung mit technischen Katastrophen als Erörterung von Möglichkeiten und Grenzen, Sinn und Unsinn bestimmter Technologien;
- der vermittelte Zweitsinn: die Technikkatastrophe als Allegorie und Modell (als Verweis auf/Vorbild für Gegenstände anderer, z.B. sozialer, politische, anthropologischer, ästhetischer Diskurse).
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